Stress- und Krisenmanagement im Kontext Schule – Achtsamkeitstraining und achtsames Gehen als Chance für die Lehrer*innen- und Schüler*innen-Gesundheit
Einleitung
In meinem Beruf als Lehrerin in einer BHS und als psychologische Beraterin und Supervisorin im LBZ (Beratungszentrum für Pädagoginnen) werde ich immer wieder mit Problemen und Krisen konfrontiert, die in Zusammenhang mit Stress stehen und in weiterer Folge zu veritablen gesundheitlichen Beeinträchtigungen führen können. Da wortlastige Interventionen manchmal zu kurz greifen, habe ich bereits vor Jahren „Achtsamkeitstraining für PädagogInnen“ im LBZ (Beratungszentrum für Pädagog*innen) und ATiS (Achtsamkeits-Training in der Schule) für Schüler*innen entwickelt und führe diese Angebote seit Jahren durch. In der Corona- Krise konnte ich diese Methoden durch „Walk and Talk“ (beraterisches/supervisorisches Gespräch im Gehen) und in weiterer Folge durch das Seminar „Achtsames Gehen und Achtsamkeitstraining“erweitern.
Es wurde mir deutlich, dass Bewegung in der Natur bei der Bewältigung von Stress und Krisen eine tragende Rolle spielt und neben psychologischem Beratungsgespräch/ Supervision und achtsamkeitsbasierten Techniken einen wirksamen Weg zur Stress- und Krisenbewältigung darstellt.
Auf der Suche nach weiteren Kompetenzen in Sachen Stress- und Krisenbewältigung durch Achtsamkeit und Bewegung bin ich schließlich auf das “achtsame Gehen“ gekommen und konnte mich in zahlreichen Seminaren und Fortbildungen, Lauf- und Walkingeinheiten, Yoga- und Meditations-Retreats von der gesundheitsfördernden und krisenpräventiven Wirkweise des „achtsamen Gehens“ überzeugen.
„Achtsames gehen“ und die damit verbundenen Achtsamkeitsübungen stellen eine große Chance für die Bewältigung von Stress und Krisen im Kontext Schule und somit für die Lehrer*innen und Schüler*innengesundheit dar.
In den folgenden Ausführungen beschreibe ich die theoretischen Konzepte und Hintergründe von Stress und Krisen im Allgemeinen, sowie Wege und Methoden des Stress- und Krisenmanagements, wobei ich im Besonderen auf Achtsamkeitsmethoden und „achtsames Gehen“ eingehe.
STRESS UND STRESSMANAGEMENT
Stressbedrohung und Stressdefinition nach Richard Lazarus (1922-2002)
Die WHO konstatiert, dass Stress „DIE“ Bedrohung des 21. Jahrhunderts darstellt und bei nahezu jeder Krankheitsentstehung eine maßgebliche Rolle spielt. Daher ist es der Gesundheit zuträglich, ein möglichst gutes Stressmanagement zu entwickeln, damit aus punktuellem oder akutem Stress nicht chronischer Stress wird. Wie alle anderen Lebensbereiche ist auch der Lebensbereich Schule von Stress und Krisen betroffen. Stressoren sind inhärent im Schulalltag vorhanden. Seitens der Lehrer*innen und der Schüler*innen strömen sie unentwegt in Form von Lärm, Leistungsdruck, Zeitdruck usw ein. Die zahlreichen, vielfältigen und oft simultanen Anforderungen lösen unentwegt Stressreaktionen aus, die, wenn sie sich chronifizieren, in ernstzunehmende Krisen führen können.
Stressoren aus Sicht der Lehrer*innen können sein:
Multitasking, Administrative Aufgaben, Lärm, Leistungsdruck, digitale Herausforderungen, Disziplinprobleme, Pädagogische Probleme, Problem mit Eltern, Kolleg*innen, oder mit Schulleiter*innen, private Probleme in der Partnerschaft, der Erziehung der Kinder oder der Pflege von älteren Familienangehörigen, Burn-Out, Mobbing, Schlafprobleme, Krankheit usw.
Stressoren aus Sicht der Schüler*innen können sein:
Probleme im Elternhaus, Trennung der Eltern, Leistungsdruck, Überforderung, schlechtes Zeitmanagement, mangelnde Motivation, digitale Herausforderungen, medialer Überkonsum, Pubertätskrisen, Orientierungslosigkeit, Bewegungsmangel, Schlafmangel, Mobbing, Burnout, Krankheit usw.
Im Sinne der Lehrer*innen-Gesundheit und auch der Schüler*innen-Gesundheit ist es daher dringend angezeigt, Maßnahmen gegen den Stress zu entwickeln.
1984 hat der amerikanische Psychologe Richard Lazarus sein vielbeachtetes Transaktionale Stressmodell veröffentlicht, das auch heute noch vielfach rezipiert wird Es beschreibt die Wechselwirkungsprozesse zwischen verschiedenen Anforderungen und der Reaktion der Person.

https://www.google.com/search?client=firefox-b-d&q=transaktionale+Stressmodell
An diesem Transaktionsmodell wird deutlich, dass Menschen Stressoren, wenn diese durch den persönlichen Wahrnehmungsfilter gelangen, auf unterschiedliche Weise begegenen können. Die Stressoren werden in Kürze einer primären Bewertung unterzogen und dann als positiv, gefährlich oder irrelevant interpretiert.
Im Falle der Bewertung „gefährlich“ versuchen Menschen ihre möglichen Ressourcen bzw. Bewältigungsstrategien zu analysieren. Ausreichende Ressourcen entschärfen den Stressor. Mangelnde Ressourcen führen dann vermehrt zu Stress.
In einem nächsten Schritt beleuchten Menschen ihre verfügbaren Coping-Strategien, wobei zwischen problemorientierten und emotionsorientierten Stressbewältigungsstrategien zu unterscheiden ist.
Nach diesen Vorgängen erfolgt schließlich eine Neubewertung des Stressors und führt zu Anpassung und Lernen bzw. einem Versuch der Bewältigung.
Das Transaktionale Stressmodell macht die Wechselwirkungen zwischen Stressoren und den Reaktionen der Person deutlich und zeigt die Chancen des persönlichen Bewertungs- und Beurteilungsspielraumes auf. Diesen Bewertungsspielraum haben Menschen immer. Wenn problemorientierte bzw. ursachenbezogene Bewältigungsstrategien begrenzt sind, so bleibt noch immer das große Feld der emotionsorientierten bzw. einstellungsbezogenen Bewältigungsstrategien, die den Menschen vielfältige Wege aus dem Stress aufzeigen können, so man diese erkennt und mittels geeigneter Techniken auch einübt.
Im Folgenden gebe ich einen Überblick über mögliche Copingstrategien
- Ursachenbezogene Bewältigungsstrategien (Problemorientiert)
- Know-How zulegen
- Besseres Zeitmanagement
- Prioritäten setzen
- Teamarbeit und delegieren
- Klare Kommunikation
- Unterstützungssystem aktivieren
- Supervision suchen
- Neinsagen, Abgrenzung
- Einstellungsbezogene Bewältigungsstrategien (Emotionsorientiert)
- Eigene Einstellung modulieren
- Resilienz stärken
- Selbstfürsorge (Pausen, Schlaf) pflegen
- Sinnfelder entdecken
- Lebensfreude, Genuss entwickeln
- Aktiv werden (Sport, Ernährung, PMR, MBSR, Achtsamkeitstraining, AT, Affirmation usw.)
Wirkweise von Stress
Evolutionsbedingt stehen uns bei Stressoren kurz gesagt die Reaktionsmuster Fight, Flight oder Freeze zu Verfügung.
Agieren wir den Stress und den damit einhergehenden hohen Cortisolspiegel durch Aktion oder Bewegung aus, sinkt der Cortisolspiegel wieder ab und wir finden in den Normalzustand zurück. Oftmals können wir den Stress jedoch nicht wirksam und vollständig abbauen und beginnen Symptome zu entwickeln, wie Schlafstörungen, Magen-Darmbeschwerden, Bluthochdruck usw. Das vegetative Nervensystem kann sich dann nicht mehr so gut selbst regulieren.
Das vegetative Nervensystem (auch autonomes Nervensystem genannt) hat zwei große Anteile:
Der Sympathikus und der Parasympathikus.
Der Sympathikus ist vergleichbar mit einem Gaspedal, durch welches Vorgänge in den Organen beschleunigt und Energie und Ressourcen verbraucht werden.
Wirkungen des Sypathikus sind z. B.:
- Pupillen werden weiter
- Speichelsektretion wird gehemmt
- Bronchien werden geweitet
- Herzschlag wird beschleunigt
- Nebennierenmark wird stimuliert und damit die Produktion von Adrenalin und Noradrenaliln angeregt
Stressreaktionen stehen in Zusammenhang mit einem überaktivierten Sympathikus und man kann diese physiologisch nachweisen:
- Erhöhung des Blutdruckes, erhöhter Puls
- Muskelanspannung
- Adrenalin, Noradrenalin werden vermehrt ausgeschüttet
- Cortisolspiegel steigt an und kann chronisch erhöht bleiben
- Psychoneuroimmunologie: das Immunssystem wird geschwächt
- Herz-Kreislaufprobleme, Schlafstörungen, Magengeschwüre, Burn-Out
(vgl. Eder, Sperlich: S. 18 ff)
Der Parasympathikus ist der Anteil, der Vorgänge in den Organen bremst, für den Aufbau von Energie und Ressorucen und smit für regenerative Prozesse sorgt.
Wirkungen des Parasympathikus sind z.B.:
- Pupillen werden verengt
- Speichelsekretion wird gefördert
- Bronchein verengen sich
- Herzschlag verlangsamt sich
- Nebennierenmark wird gehemmt und damit auch die Produktion von Adrenalin und Noradrenalin
Heutzutage ist oftmals der Sympathikus dauerhaft überaktiviert und der Parasympathikus unteraktiviert, was eben Stressreaktionen und mangelnde Regulierungsfähigkeit nach sich zieht. Nicht bewältigter akuter Stress kann zu chronischem Stress werden, der dann gesundheitliche Probleme nach sich ziehen kann.
Interessanterweise laufen Stressreaktionen ab, unabhängig davon, ob sie
- Real
- Vorgestellt
- Exogen
- Endogen sind.
Diese Erkenntnis ist in Zusammenhang mit der Wirksamkeit von Achtsamkeitstraining hoch relevant. In seinem Buch „Vagus-Nerv“ weist Pierre Dunek darauf hin: „Dein Gehirn kann zwischen tatsächlichen oderimaginären Bedrohungen oder Belastungen oder unbegründeten Ängsten, die als Stressauslöser gelten, nicht unterscheiden. Dies führt sehr häufig zu dem Dilemma, dass Dinge als Stressfaktoren wahrgenommen werden, die in Wirklichkeit keine sind. Abhängig von deinem Mindset, deiner Einstellung zu Dingen, können aber diese Stressfaktoren entweder abgebaut oder aufgelöst oder aber noch verstärkt werden“. (Dunek, S. 30)
Es eröffnet sich dadurch ein immenser Spielraum, wie wir durch unsere eigene Einstellungsmodulation (siehe Frankl S 12ff.) und durch Achtsamkeitstraining und Atemübungen wesentlich zu unserem Wohlbefinden beitragen können
In der amerikanischen Coaching-Literatur findet sich in diesem Zusammenhang der RAIN- Ansatz. RAIN steht für
- Rekognition: Lufthoheit gewinnen
- Accept: annehmen, nicht bewerten
- Investigate: Wie, was, warum: Autopilot, Muster?
- Non-Identification: Distanzierungsfähigkeit: Ich bin nicht meine Angst…“
Für eine gutes Stressmanagement ist es unerlässlich, „Forscher*in eigener Sache“ zu werden, um eigene Stressoren, Bewertungen und Bewältigungsstrategien zu erkennen, zu analysieren und unseren Umgang mit ihnen verbessern zu können (vgl Vera Kaltwasser, S. 67).
KRISEN UND KRISENMANAGEMENT
Krise und Definition Cullberg und Caplan
In der in den 1960/1970 er Jahren von den beiden amerikanischen Psychiatern Caplan und Cullberg publizierten Definition sind Krisen folgendermaßen beschrieben:
„Verlust seelisches Gleichgewicht … konfrontiert mit Lebensumständen, die unbewältigbar sind … Art und Ausmaß die bisherigen Fähigkeiten überfordern …und zu Angst, Hilflosigkeit und Kontrollverlust führen…”.
https://www.lwl.org/psychiatrie-marsberg-download/PDF/Vortraege/Fortbildung_Praeentation%20KriseKrisenintervention.pdf
Gerade die zwei zurückliegenden Corona-Jahre haben uns in vielerlei Hinsicht überfordert und psychosoziale Krisen sind vermehrt aufgetreten. Bisherige Verhaltens- und Copingstrategien haben sich als unzureichend erwiesen und sowohl Einzelpersonen als auch die gesamte Gesellschaft, so auch das System Schule, wurden in Krisen gestürzt, was auch im Artikel in der Kleinen Zeitung vom Februar 2021 thematisiert wurde.Darin beschreibt die Primaria Christa Rados vom LKH Villach, dass in der Bevölkerung folgende Probleme vorhanden sind:
23% Angststörungen
26% depressive Symptome
18 % Schafstörungen
25% (bis zu 50%!) aller Jugendlichen zwischen 10-18Jahre sind schwer belastet durch Depression, Süchte, Essstörungen, Schlafstörungen, SVV, Ängste usw.
Rados kurzes Fazit ist, dass die gesamte Gesellschaft sich in veritablen Krisen befindet!
Corona und multiple Krisen
Neben der alles bestimmenden Corona-Krise gibt es natürlich auch alle möglichen psychosozialen und gesellschaftlichen Krisen auf, die im Schulleben sowohl bei Lehrer*innen als auch bei Schüler*innen einwirken können.
Krisen des Individuums (psychosoziale Krisen)
- Reifungskrisen
- Pubertätskrisen
- Identitätskrisen
- Veränderungskrisen
- Sinnkrisen
- Mid-Life-Krisen
- Traumatische Krisen
Ebenso wirken gesellschaftliche Krisen auf das Schulleben ein:
Gesellschaftliche Krisen (globale Krisen)
- Wirtschaftskrise
- Krisen im Bildungssystem
- Krisen im Gesundheitssystem, sowie Klimakrise, Umweltkrise, Verteilungskrisen, Biodiversitätskrise, Flüchtlingskrise usw.
Nach dem Hamburger Pädagogik-Professor Mierke aus dem Jahre 1955 kann man Krisen in folgende Stadien einteilen:
- Krisenprävention
- Krisenintervention
- Krisenprophylaxe
Diese Phasen ereignen sich gerade im Spannungsfeld Schule in ungeheurer Dichte und Schnelligkeit, was natürlich alle am Schulleben Beteiligte mit zahleichen Stressoren konfrontiert.
Im Folgenden wird auf die in allen sozialen Berufen und insbesondere auf die im Lehrer*innenberuf große Gefährdung durch Burnout eingegangen.
Burnout im Lehrer*innenberuf
Der amerikanische Psychologe Herbert Freudenberg hat 1974 ein 12 Phasen-Modell des Burnout-Syndroms vorgestellt, das auch heute noch viel rezipiert ist. Gerade Lehrer*innen sind oftmals von Burnout betroffen und befinden sich mitunter kontinuierlich in den ersten 4 von 12 Phasen, die in der untenstehenden Skizze dargestellt sind.

Ab Phase 4 ist die Gefährdung schon deutlich wahrnehmbar, wird jedoch von den Betroffenen oftmals geleugnet. Finden diese hier keinen Ausstieg und schraubt sich die Spirale weiter voran, kann es zu veritablen Anpassungsstörungen bis hin zur Depression, somatischen Beschwerden und schließlich zu einem vollständigen Burnout kommen, in welchem die Menschen nicht mehr in der Lage sind, ihren Alltag zu bewältigen. Oftmals sind dann ein stationärer Aufenthalt und eine lange Rehabilitation unumgänglich.
Eine klare Beschreibung des Burnout-Syndroms ist schwierig. Vereinfacht wird Burnout folgendermaßen umschreiben:
Definition: Emotionale Erschöpfung, Überlastung (Problemkreis mit Bezug auf die Lebensbewältigung, ICD-10)
Symptome: uneinheitlich, Depression, Ängste, Panikattacken, Nervosität, Zynismus, somatische Beschwerden (Schwindel, Bluthochdruck, Magen-Darmprobleme, Schlafstörungen usw.)
Ursachen: Zeitdruck, Leistungsdruck, Überforderung, Beziehungsprobleme, Anstrengung ohne Erfolg, Stress (bei rund 60% aller Krankenstände mitbeteiligt)
Aus den bisherigen Ausführungen ist die Gefährdung der Lehrer*innen und Schüler*innengesundheit durch unzureichende Stress- und Krisenbewältigungsmaßnahmen deutlich geworden.
Im anschließenden Kapitel wird die Chance eines besseren Umgangs mit diesen Gefährdungen durch Achtsamkeitstraining und durch „achtsames Gehen“ für alle am Schulleben Beteiligten beschrieben.
STRESS- UND KRISENMANAGEMENT IM KONTEXT SCHULE DURCH ACHTSAMKEITSTRAINING
„Heben Sie ihren Fuß. Atmen Sie ein. Setzen sie den Fuß vor sich auf den Boden, zuerst die Ferse, dann die Zehen. Atmen Sie aus. Spüren Sie, wie ihre Füße fest auf der Erde stehen. Sie sind bereits angekommen.
Thich Nhat Hanh
Aus diesen Überlegungen heraus es dringend angezeigt, Methoden und Techniken in die Schulen und in den Lehrer*innenberuf hineinzutragen, damit man im Lebens- und Arbeitsbereich Schule effektiver mit Stress und Krisen umzugehen lernt, was schließlich die Gesundheit und Lebensqualität aller am Schulleben Beteiligten erhöht.
Was Richard Lazarus 1984 konstatierte, hat bereits auch der griechische Philosoph Epikur (341-270v. Chr.) formuliert:
„Nicht die Dinge selbst beunruhigen den Menschen, sondern erst deren Beurteilurteilung durch den Menschen!“
In dieser Beurteilung durch einen selbst liegt die große Chance, die aus der Sicht von verschiedenen Disziplinen nun beleuchtet wird, wobei die Konzepte des Psychiaters Viktor Frankl, der Resilienz-Forscherin Emmy Werner, des Meditationslehrers Jon Kabat-Zinn, des Neurologen Stephen Porges und des Atemtherapeuten Wilfried Ehrmann vorgestellt werden.
Viktor Emil Frankl (1905-1997): Logotherapie und Existenzanalyse
„Die letzte der menschlichen Freiheiten besteht in der Wahl der Einstellung zu den Dingen!“
Als Psychiater und Überlebender von drei Konzentrationslagern hat Viktor Frankl neben Siegmund Freud und Alfred Adler die 3. Wiener Schule der Psychologie begründet: Die Logotherapie und Existenzanalyse. Kurz gesagt, geht es hierbei nicht um Tiefenpsychologie, sondern um „Höhenpsychologie“, die die „Geistige Dimension des Menschen“ berücksichtigt. Frankl wendet sich gegen jeden Reduktionismus auf ein anthropologisches Schicksal (biologisches, psychologisches, soziologisches Schicksal) und gewichtet die „Geistige Dimension“ des Menschen viel stärker als bisherige Lehren das getan haben. Kurz gesagt, hat in der Sichtweise der geistigen Dimension der Mensch die Freiheit, trotz widriger Bedingungen Stellung zu seiner Lebenssituation zu nehmen, aus der Opferrolle auszusteigen und sich bewusst für eine Handlung zu entscheiden. Dabei stehen bei Frankl die Sinn- und Wertorientierung (Schöpferische Werte, Erlebniswerte, Einstellungswerte) im Mittelpunkt und es wird als äußerst krisenpräventiv erachtet, einer Aufgabe zu dienen bzw. einen Sinn im Leben zu finden. Mithilfe von Frankls Methode der „Einstellungsmodulation“ lernt der Mensch, seine Einstellung zu prüfen, zu analysieren und gegebenenfalls eine neue Einstellung zu entwickeln und zu etablieren. Dadurch entsteht ein verbleibender Freiraum inmitten schwieriger Situationen. Selbsttranszendenz (Hingabe an etwas) und Selbstdistanz (Dereflexion, aufhören, Problem immer wieder zu wälzen) sind weitere wichtige Methoden in Frankls Lehre (vgl: Viktor Frank, S. 134 ff)
Emmy Werner (*1938): Resilienz
Das aus dem Lateinischen kommende Wort [resilire] meint „abprallen, in seine ursprüngliche Form zurückspringen“. Der Begriff Resilienz kommt ursprünglich aus den Materialwissenschaften und beschreibt, wie Stoffe, nachdem eine Verformung (Krafteinwirkung) beendet ist, wieder gleichsam einem Stehauf-Männlein in ihre ursprüngliche Form zurückfinden.
Die amerikanische Psychologin Emmy Werner hat auf der Kauwei – Insel Kinder aus schwierigen sozialen Systemen untersucht und festgestellt, dass zwei Drittel der Kinder sich leider, wie erwartet, schlecht entwickelten (Schulabbruch, Kriminalität, Arbeitslosigkeit usw). Allerdings hat sie herausgefunden, dass ein Drittel der Kinder sich trotzdem gut entwickeln In ihrer Forschung konnte sie die Faktoren ausmachen, die diese gute Entwicklung ermöglichten und benannte diese als die 7 Säulen der Resilienz:
7 Säulen der Resilienz
1. Optimismus trainieren
2. Akzeptanz üben
3. Lösungsorientierung üben
4. Opferrolle ablegen
5. Verantwortung tragen
6. Netzwerke aufbauen
7. Zukunft planen
https://de.wikipedia.org/wiki/Emmy_Werner
Jede einzelne dieser Säulen ist trainierbar und eröffnet einen großen gestalterischen Freiraum in Richtung Selbstwirksamkeit, Selbstfürsorge und Stress- und Krisenmanagement.
Jon Kabat-Zinn (*1944): Mindfulness Based Stress Reduction
Jon Kabat_Zinn hat seit den 1980 er Jahren das MBSR-Training (Mindfulness Based Stress Reduction) in Massachusetts begründet und seither weiterentwickelt. Es handelt sich dabei um ein Programm, das Menschen mittels Meditation, Atemübungen und Achtsamkeitspraxis hilft, mit Schmerzen, Stress und Krisen besser umzugehen. Jon Kabat-Zinn stellt die physiologische und psychologische Übererregung durch Stress in seiner Abbildung des Stressreaktions-Zyklus übersichtlich dar (Jon Kabat-Zinn S. 293).
Anhand dieser Abbildung wird die Komplexität der Wirkweise von Stress deutlich. Jedoch sind wir nicht hilflos diesen Reaktionsmustern ausgesetzt. Mithilfe von Achtsamkeitstraining können wir diese Reaktionsabläufe unterbrechen und in konstruktive Bahnen lenken.
Dabei hat er 7 Prinzipien herausgearbeitet:
- non judging
- patience
- beginner`s mind
- trust
- non striving
- acceptance
- letting go
(vgl: Jon Kabat-Zinn, s. 69 ff)
Obwohl es sich um ein sehr einfaches Konzept handelt, bedarf es der beständigen Übung. Den Geist zur Ruhe zu bringen, gleicht einem Karussell, das sich unaufhörlich dreht oder, wie die Buddhisten zu sagen pflegen, einer Horde wilder Affen, die pausenlos im Gehirn toben.

MBSR und insbesondere das standardisierte 8-Wochen-Programm wurde in den letzten Jahren vielfach beforscht. Zahlreiche Studienergebnisse zum belegen die enorme Wirksamkeit des MBSR, was im Folgenden kurz aufgelistet wird:
- Puls wird niedriger
- Blutdruck geht runter
- Im EEG werden folgende „entspannte“ Hirnströme gemessen: Alphawellen (7-14 Hz) und Theta-Wellen (4-7 Hz)
- MRT: Die graue Masse nimmt in bestimmten Hirnregionen zu (Neuroplastizität)
- Parasympathikus wird aktiviert (HRV)
- Telomere verlängern sich
- Immunsystem wird gestärkt
Darüber hinaus ist In diesem Zusammenhang die Forschung der Psycho-Neuro-Immunologie erwähnenswert. Die Forschungsergebnisse von Prof. Dr. Christian Schubert aus der Universität Innsbruck zeigen, dass die psychische Verfassung, also eben auch die Verfassung des vegetativen Nervensystems einen großen Anteil an den regulativen Vorgängen im Körper ausmachen, die dann auf das Immunsystem wirken und Einfluss auf unsere Gesundheit haben.
(Vgl. Eder, Sperlich: S. 41)
„Im Grunde ist Achtsamkeit ein ziemlich einfaches Konzept. Seine Kraft liegt in der praktischen Umsetzung und Anwendung. Achtsamkeit beinhaltet auf eine bestimmte Art und Weise aufmerksam zu sein: bewusst im gegenwärtigen Augenblick sein und ohne zu bewerten“. (vgl. Kabat-Zinn)
Man kann nicht genug betonen, dass die Wirkkraft dieses Konzeptes in der praktischen Umsetzung, sprich, im Praktizieren liegt, oder wie Kabat- Zinn es formuliert: Achtsamkeit ist wie ein Muskel. „This muscle has to be trained“ (vgl. Kabat-Zinn)
Kohärentes Atmen
Je länger wir im Sympathikus und damit im Anspannungsmodus sind, desto oberflächlicher und schneller atmen wir. Umgekehrt atmen wir in derEntspannung tiefer. Der Atemvorgang hat direkten Einfluss auf das vegetative Nervensystem und auf das Herz. Sind ein- und ausatmen ausgeglichen entsteht eine Balance (Kohärenz), die sich auf alle Zellfunktionen und Stoffwechselvorgänge auswirkt. Beim bewussten und tiefen ein- und ausatmen wird ein Signal von der Lunge über den Vagusnerv an den Hirnstamm weitergeleitet. „Der Vagus-Nerv ist der weitaus größte Anteil im parasympathischen Nervensystem und er steuert eine große Anzahl von Funktionen im Brust- und Bauchraum. Beim bewussten und verstärkten Ausatmen wird das vegetative Nervensystem in Richtung Bremse, also in Richtung Erholung und Ressorcenaufbau und damit in Richtung Gesundheit gesteuert.
(vgl. Eder, Sperlich, S. 52)
In seinem Buch „Kohärentes Atmen“ weist auch der in Wien lebende Atemtherapeut und Psychotherapeut Wilfried Ehrmann darauf hin, dass wir durch bewusstes Ein- und ausatmen wirksam zur Selbststeuerung, zur Selbstregulierung und zur Gesunderhaltung beitragen können. Ehrmann nennt dabei zwei Hauptfaktoren, welche sich aus der derzeitigen Forschung ergeben. „Die Neueinschätzung des vegetativen Nervensystems als Basiskomponente bei jeder Krankheitsentstehung im Allgemeinen und die Einsicht in die Rolle des Parasympathikus bei der Stressregulation im Besonderen“ (vgl. Ehrmann, S.20).
Die Atmung ist seiner Ansicht nach „das einfachste und genialste Tor zur Rückregulierung eines entgleisten Nervensystems“. Wenn wir entspannen, entspannt sich der Herzschlag, und schließlich schwindet die ganze Stressreaktion. Mit Atemtraining können wir unseren Vagus in seiner Bremsfähigkeit stärken, wir schwingen wieder schneller in den entspannten Normalzustand zurück“ (vgl. Ehrmann, S. 31).
Die Polyvagaltheorie:
1996 hat der amerikanische Wissenschaftler Stephen Porges die Polyvagaltheorie veröffentlicht, die besagt, dass der Vagus, auch genannt als der X Gehirnnerv, als Taktgeber für den Parasympathikus zuständig ist. Dieser Vagus-Nerv ist 2-geteilt in einen dorsalen (rückwärtigen) und einen ventralen (vorderen) Zweig. Der ventrale, auch „smarte“ Vagus genannt ist auch für die Kommunikations- und sozialen Systeme zuständig. Zwischen dem Vagus und dem Sympathikus wirkt die vagale Bremse, durch die die Herz- und Atemfrequenz niedrig gehalten wird. Dies macht uns entspannt und so gehen wir dann auch mit Menschen um (vgl. Ehrmann, S. 29 ff)
Porges beschreibt den Einfluss der Atmung so: „Physiologisch zügelt das Atmen den Einfluss des (…) Vagus auf das Herz. Wenn wir einatmen, wird der Einfluss des Vagus abgeschwächt, die Herzrate steigt. Atmen wir aus, wird der Einfluss auf den Vagus stärker, die Herzrate sinkt.“(Porges 2010, S. 264) https://en.wikipedia.org/wiki/Stephen_Porges
Pierre Dunek bezeichnet in seinem Buch „Vagus Nerv“ den X. Hirnnerv als „umherschweifender Selbstheilungsnerv“. Mit seinen zahlreichen Nebenarmen durchzieht er aus dem Gehirn kommen den Brustkorb mit den vitalen Organen Herz und Lunge, ebenso wie den Bauchraum mit dem Magen-Darmtrakt, wo er die Verdauungsprozesse reguliert. In weiterer Folge beschreibt Dunek, wie man diesen Selbstheilungsnerv gezielt aktivieren und damit der „vielleicht schlimmsten, weil unterschätzen Krankheitsursache der Konsumgesellschaft“ begegnen kann. (vgl. Dunek, S. 14 ff)
Außerdem weist er darauf hin, dass der Vagus-Nerv vor allem prophylaktisch stimuliert werden sollte, um Krankheit zu vermeiden.
Achtsamkeitstraining (ATiS) an der HLW Schrödinger, Graz
Seit vielen Jahren biete ich in meiner Schule Achtsamkeits-Training (ATiS) an. Im Grunde sind diese Übungen leicht durchführbar. Meistens bleiben wir im Klassenraum, manchmal gehen wir in den Schulgarten oder auch in den „Raum der Stille“. Das ATiS findet in den ersten 5-7 Minuten am Beginn der Stunde statt und folgt einer ganz einfachen Struktur. Wir beginnen das ATiS mit dem Klang der Zimbeln und wir beenden es wiederum mit dem Klang der Zimbeln. Dazwischen führe ich unterschiedliche Übungen durch, wie zB. Atem-achtsamkeit, Imagination, Body-Scan, Ankern, Phantasiereisen, Qi-Gongübungen usw. durch. Diese Übungen führen in eine Kultur der Stille hinein, die für kurze Zeit aus dem Lärm des Schulalltags herausführt und eine Quelle der Rekreation darstellt.
Wir haben an unserer Schule den „Raum der Stille“ (Off-Raum) installiert, der sowohl von Lehrer*innen als auch von Schüler*innen oder von Kleingruppen benutzt werden kann. Manchmal führen wir die Achtsamkeitsübungen in diesem Raum durch. Generell bietet der „Raum der Stille“ eine willkommene Rückzugsmöglichkeit.

Nach regelmäßigen Evaluationen des ATiS wurde deutlich, dass Schüler*innen von diesen Methoden durchaus profitieren. Die Rückmeldung einer Maturantin brachte es treffend auf den Punkt: „Das Achtsamkeitstraining hätten wir besser viel früher schon praktizieren sollen. Es wäre uns viel Stress erspart geblieben.“
In diesem Zusammenhang erwähnenswert sind der Studienergebnisse von Dr. Kohl und Dr. Sauer aus der Ludwig-Maximilian-Universität in München, die die deutsche Gynmasiallehrerin Vera Kaltwasser in ihren Büchern über Achtsamkeits-Training in Schulen beschrieben hat. (vgl: Vera Kaltwasser, 2010, S. 25 ff)
Als positive Effekte des Achtsamkeits-Trainings bei Schüler*Innen werden oft genannt:
- Selbsterziehung
- Impulskontrolle und Emotionsregulation
- „Respond, not react“ lernen
- Weniger Aggression
- Mehr Empathie
- Weniger Mobbing
- Mehr Konzentration
- Kultur der Stille genießen
Da ich, wie bereits erwähnt, auch „Achtsamkeits-Training für Pädagog*innen“, „Achtsames Gehen/Walken und Achtsamkeits-Training“ und „Walk and Talk“ am BfP Graz durchführe, kann ich die Bedeutsamkeit des Achtsamkeits-Konzeptes auch für die Lehrer*innengesundheit bestätigen.
Als positive Effekte des Achtsamkeits-Trainings bei Lehrer*innen werden genannt:
- Selbstregulation, Stressmanagement
- „Respond, not react“ erlernen
- Mentalhygiene, Gedankenhygiene
- Kultur der Stille genießen
- Reizüberflutung stoppen
- Nicht Selbstoptimierung
- Innerer Saboteur entlarven, schädliche Muster erkennen
- Gedankenkarussell stoppen
- Schlafstörungen verbessern

Das Konzept der Achtsamkeit wird aber nicht nur in deutschen oder österreichischen Schulen praktiziert. Inzwischen sind Politik, Wirtschaft und Gesundheitssystem von der immensen Bedeutsamkeit in Bezug auf die Gesunderhaltung der Gesellschaft aufmerksam geworden. Die folgenden Beispiele zeigen, wo das Achtsamkeits-Konzept bereits Eingang gefunden hat:
- Parliamental minfulness Program (2013) mindfulness Initiaive, 150 MP, Report Mindfulness Nation UK); NHS
- Konzerne (google, microsoft, BASF u.v.a.): Betriebliche Gesundheit
- Weltwirtschaftsforum Davos 2015 (Jon Kabat-Zinn)
- OÖGKK: Kurse in Achtsamkeitstraining
- MiSP (TED TALK, Richard Burnett): Achtsamkeitstraining als Pflichtfach
- USA: mindfulness schools, mindful teaching
- Frankfurt Elisabethgymnasium (Uni München),
Vera Kaltwasser - Sir Carl Popper Schule
- Uni Wien/KPH Krems
- Schule im Aufbruch
- HLW Schrödinger
Fazit
Die Ausführungen haben aufgezeigt, dass Stress und Krisen im Kontext Schule zum Alltag gehören und dass es angesichts der gesundheitlichen Bedrohung durch Stress dringend angezeigt ist, ein effektives Stress- und Krisenmanagement in die Schulen und in die Lehrer*innenfortbildung hineinzutragen.
Achtsamkeitstraining und „achtsames Gehen“ stellen leicht umsetzbare und niederschwellige Methoden dar, Menschen aller Altersklassen und Fitnessgrade hilfreiche Kompetenzen in Richtung Stress – und Krisenmanagement, Selbstregulierung, Wohlbefinden und Gesundheitsförderung vermitteln zu können.
In diesem Sinne schließe ich mit einem Zitat von Viktor Frankl meine Überlegungen ab:
„Der Mensch ist nicht Opfer, sondern Mitgestalter seines Lebens!“
Literaturverzeichnis Internet
Lazarus, Stressmodell:
https://www.google.com/search?client=firefox-b-d&q=transaktionale+Stressmodell
Caplan und Cullberg, Krise
Freudenberg, Burnout-Spirale:
https://www.google.com/search?sxsrf=ALeKk01wyeg7AxZa1kdNe-ydr2sPIFHwSw:1627026523916&source=univ&tbm=isch&q=freudenberger+12+phasen-modell&client=firefox-b-d&sa=X&ved=2ahUKEwjr0_2P2vjxAhVY_7sIHZOpAzAQjJkEegQIGxAC&biw=2144&bih=950#imgrc=3zZHB7Bb7lzHNM
Emmy Werner
https://de.wikipedia.org/wiki/Emmy_Werner
Stephen,Porges,
https://en.wikipedia.org/wiki/Stephen_Porges
Dan Siegel: https://en.wikipedia.org/wiki/Daniel_J._Siegel
Literaturverzeichnis
Ursula Eder, Franz Sperlich: Das Parasympathikus-Prinzip: Gräfe und Unzer, München,2019,
Vera Kaltwasser: Praxisbuch Achtsamkeit in der Schule, Beltz Verlag, Weinheim und Basel, 2016
Viktor Frankl: Ärztliche Seelsorge: Deutscher Taschenbuchverlag München, 2009
Jon Kabat-Zinn: Gesund durch Meditation: Knaur, München, 2013
Thich Nhat Hanh: Einfach Gehen, o.W. Barth, 2016
Wilfried Ehrmann: Kohärentes Atmen. Kamphausen, Bielefeld, 2016
Pierre Dunek, 2020
Stephen Porges: Polyvagaltheorie, 2010
Weitere Internethinweise
- mindfulnessinschools.org
- mindfulawareness research center
- mindfulnessineducation, California
- mindfulnessteachers.org
- mindfullness-research.net
- compassion-training.org
- Contemplative teaching
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